Storytelling für Juristinnen und Juristen

Bild: Pixabay

Man könnte meinen, dass es im juristischen Studium nicht auf die klassische Rhetorik ankommt. Also auf diejenige, die ergreifend, leicht emotional und auch blumig sein kann. Sprich jene Art des Redens, die auch eine gewisse künstlerische Ader mit sich bringt.

Doch dem ist nicht so! Denn wenn man sich PÜs, Vorlesungen und Seminare ansieht, die von Dozierenden geleitet werden, die ein Händchen genau für jene klassische Rhetorik haben, sind die Studierenden plötzlich voll dabei. Und das ist kein Zufall.

Aufgrund dieses Umstandes ist es von Vorteil, wenn man sich mit einer der wichtigsten Punkte dieses Bereiches auseinandersetzt… und zwar mit Storytelling!

Ja, es gibt viele Möglichkeiten, eine gute Story zu erzählen. Und ja, sie funktioniert auch bei abstrakten Thematiken wie sie Jura oft kennt. Let’s Go!

I. Erster Ansatz: Schaffe Konflikte

Dieser Ansatz klingt etwas nach Hollywood. Aber genau das wollen wir. Das Unterrichten in Jura, aber auch andere Arten von Vorträgen in diesem Metier sind dann erfolgreich, wenn sie an den richtigen Stellen Entertainment sind. Interessanterweise ist dies – wenn man nur auf die didaktische Seite schaut – keine moderne Auffassung. Schon G. W. Leibniz hat im 18 Jh. mit seiner ganz neuen Art der juristischen Vermittlung auf Spaß und Witz gesetzt, sprich auf Unterhaltung.

Aber gut… was gibt es denn für Konflikte?

Steve Rawling umreißt in seinen Storyteller Tactics (übrigens: wärmstens zu empfehlen!) drei große Konflikte, die man aus Literatur und Film kennt.

➡️Held gegen die Natur

➡️Held gegen die Gesellschaft

➡️Held gegen sich selbst

In Filmen sind diese drei Spielarten oft zu finden. Bei Held gegen Natur haben wir sofort solche Filme wie Dante’s Peak im Kopf. Held gegen die Gesellschaft? Da denkt man an die Serie Shirley auf Netflix (auch sehr zu empfehlen by the way). Und bei Held gegen sich selbst… hui, Trainspotting von 1996!

Und wie funktioniert das nun bei Jura? Ganz einfach… man kann die Positionen einfach nehmen (z.B. Natur) und auf eine Thematik anwenden, die mit ähnlichen Positionen arbeitet (z.B. Umweltrecht). Großkonzerne vs. Naturverbände, die Europäische Union als Schutzherr und Initiator von Umweltgesetzen auf supranationaler Ebene usw.

BEISPIEL:

>> Die Welt am Abgrund, das Ozonloch am Wachsen und die Gesellschaft zwiegespalten. Der Mensch gegen die Natur? Die Natur als Gewinner? Nein, den genau hier wurde eine starke Zusammenarbeit in Form eines multilateralen Abkommens zur rettenden Idee: das Montreal-Protokoll! <<

Auch Benedikt Held von der Redefabrik erwähnt in seinen Tipps zum Thema Storytelling den Ansatz, dass man bei einer guten Geschichte kontrastieren sollte: Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Gut gegen Böse? Bedeutet, dass man einen Gegensatz – einen mächtigen Konflikt – heraufbeschwört und adäquat in seiner Geschichte einbaut.

>> Die Anwendung dieser Rechtslage offenbart eine utopische, aber auch eine dystopische Seite, da…<<

II. Zweiter Ansatz: Sei genau!

Egal, ob es nun der Fall ist, den du dir fiktiv zusammengestellt hast oder der Fall, den du abgeändert von einem BGH-Urteil gezogen hast. Essenziell ist es, dass du deine Zuhörerinnen und Zuhörer abholst und für die Sache begeisterst. Dabei hilft es, die Fälle lebendig und detailliert zu gestalten, damit jene sich so anfühlen, als würden sie wie ein Film während der Erzählung ablaufen. Auch das wird von Rawling in seinen Storyteller Tactics aufgegriffen.

Diese Art, detaillierte Darstellungen zu geben, geht mit der Idee einher, prägnante Adjektive einzubauen, die Gefühlswelt der Protagonistinnen und Protagonisten einzufangen und die Sprache für sich selbst sprechen zu lassen. Held spricht hier von der rhetorischen Lupe.

BEISPIEL:

>> Stellt Euch vor, Ihr geht nichtsahnend zu einer alten, verlassenen Scheune, an der Ihr eigentlich Euren schon langjährigen Kumpel treffen wolltet. Es ist schon leicht dämmrig und die Straße, auf der Ihr Euch befindet ist nass und glänzend im Lichte der Laternen… <<

⚠️WICHTIG: So solltet Ihr natürlich nicht die ganze Zeit reden. Es geht hier um bestimmte Momente, wie der Einleitung, dem ersten Fallbeispiel oder einem Ausblick usw.

III. Dritter Ansatz: Achte auf die Verwendung deiner Sprache!

Hier könnte man viele Punkte ansprechen: Welche Termini nutzt man? Welche Wörter sollte ich vermeiden? Oder wie blumig darf ich am Ende sein, ohne dass es – in moderner Sprache – cringe wirkt?

Aber hier möchte ich lediglich zwei Dinge ansprechen: Die Dynamik deiner Stimme und das Spiel mit den Satzlängen.

Dynamik: Das bedeutet, dass Ihr nicht nur eintönig Eure Geschichte erzählen sollt. Wenn Ihr das macht, verliert Ihr wahrscheinlich im Schnitt 50-60% Eurer Zuhörerschaft und der Rest hört nur noch mit einem halben Ohr hin. Heißt, dass eine gewisse dynamische Verwendung Eurer Tiefen relevant für Euren Erfolg sind. Einfache Hinweise wären z.B., dass Ihr am Ende von Aussagen und Fakten mit der Stimme nach unten geht und bei Fragen, die mit einem ja oder nein zu beantworten sind, nach oben. Für diese Intonationsregeln habe ich hier eine gute Übersicht von der FAU: Phonetik des Deutschen

Anspruchsvollere Hinweise sind, dass man anfängt, mit der eigenen Stimme zu spielen. Wann gehe ich gerne runter mit der Stimme? Wann nicht? Finde ich ein Schema bei mir selbst? Denn wenn man ein Schema findet, kann man daran arbeiten und selbst wachsen. Es muss eben nicht immer alles so klingen, wie man es aus TEDTalks kennt. Jeder hat seine eigene individuelle Dynamik vorzuweisen.

Satzlängen: Egal, ob Ihr Bücher lest oder einem Vortrag lauscht. Nichts ist langweiliger als immer gleiche Längen von Sätzen. Bumm! Manchmal muss es einfach einen Cut geben. Einen Cut, der prägend ist. Einen Cut, der die Zuhörerschaft in eine Art Achterbahnfahrt mitnimmt, dabei aber nicht vergisst, dass man vor langen Sätzen ein wenig Pause braucht. Und danach? Danach… auch!

Ihr merkt, was ich hier versuche, zu erläutern? Findet Euren eigenen Rhythmus, aber achtet darauf, dass Eure Sätze nicht alle gleich lang oder gleich kurz sind. Eintönige Schemata sind langweilig. Manchmal braucht es dazwischen auch kurze Sätze. Aber denkt Euch nichts dabei, wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt. Auch ich – wie Ihr es hier seht – habe noch Probleme damit. Das ist wohl ein lebenslanger Lernprozess.

Ein gutes Schema könnte aber sein: Mittellanger Satz, kurzer Satz, kurzer Satz (nun sind sie vorbereitet): langer Satz. Danach wieder etwas kürzer oder auch mal nur ein Wort. Das hilft dem Gehirn, die Wellen besser nachzuvollziehen.

IV. Fazit

Storytelling ist einfach ein tolles Geschenk, das wir Menschen uns irgendwann angeeignet haben. Jedenfalls sehe ich es so. Man kann damit die Leute in den Bann ziehen, aber leider kann man Menschen damit auch manipulieren… Daher ist es für mich immer ein großes Anliegen, anzubringen, dass solche Techniken immer nur für gute Sachen eingesetzt werden sollen. Klar, wir reden hier nicht von Manipulationstechniken im Detail. Die werden noch folgen… Doch ist eine gute Story oft schon die halbe Miete, um Menschen zu steuern. Daher nutzt diese Techniken immer mit Bedacht und – wie es René Borbonus gerne sagt – achtet auf Eure Worte!

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